Deutschlands bröckelnde Brücken: Der Weg aus der Krise
Deutschlands Brücken sind marode und sanierungsbedürftig. Bauingenieur Christian Ganz von Drees & Sommer erläutert, was passieren muss.

Viele deutsche Brücken sind am Ende ihrer Laufzeit angekommen, Übergangslösungen reichen da nicht aus. Doch wie kommt Deutschland aus der Brückenkrise?
Foto: PantherMedia / j.dudzinski
Deutschlands Brücken sind vielerorts marode und müssen dringend saniert werden. Ein strategischer Ansatz ist entscheidend, um wirtschaftliche Schäden, Sicherheitsrisiken und Verkehrsprobleme zu minimieren. Beispiele aus Stuttgart, Nürnberg und Baden-Württemberg zeigen, wie digitale Lösungen, effiziente Planungsverfahren und strategische Finanzierung den Weg zu einer zukunftsfähigen Infrastruktur ebnen können.
Inhaltsverzeichnis
- Der Sanierungsstau als Gefahr für die Infrastruktur
- Ein Beispiel aus Lüdenscheid
- Viele Brücken sind am Ende ihrer Laufzeit
- Brückensanierung braucht einen strukturierten Plan – kein Flickwerk
- Digitale Lösungen für die Zukunft
- Bürokratische Hürden sind Bremsklotz für die Sanierung
- Beispiele aus Baden-Württemberg und Nürnberg
- Von der Krisenverwaltung zur zukunftsfähigen Infrastruktur
Der Sanierungsstau als Gefahr für die Infrastruktur
Deutschlands Brücken kommen in die Jahre. Viele sind marode, andere sogar akut einsturzgefährdet. Die Zahlen sind alarmierend: Über 8000 Autobahnbrücken gelten als sanierungsbedürftig. Auf Bundesstraßen summieren sich weitere 3000 Bauwerke, und selbst die Schieneninfrastruktur ist betroffen – mehr als 1100 Bahnbrücken müssen dringend instandgesetzt oder ersetzt werden. Diese Zahlen basieren auf Untersuchungen des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und offiziellen Daten des Bundesverkehrsministeriums.
Doch die Gefahr geht weit über die Statistiken hinaus. Der Einsturz einer Brücke wie der Carola-Brücke in Dresden ist nicht nur eine strukturelle Katastrophe, sondern auch ein Weckruf für die gesamte Infrastrukturpolitik. „Marode Brücken sind mehr als nur ein finanzielles Problem – sie sind ein Risiko für Sicherheit, Wirtschaft und Lebensqualität“, warnt Christian Ganz, Bauingenieur und Brückenexperte bei Drees & Sommer.
Der Sanierungsstau wird zu einem ernsthaften Problem für die gesamte Verkehrsinfrastruktur in Deutschland. Neben der Sicherheitsfrage spielt auch die wirtschaftliche Belastung eine immer größere Rolle. Unternehmen sind auf zuverlässige Transportwege angewiesen, um Lieferketten aufrechtzuerhalten. Jeder Stau, jede Umleitung durch eine gesperrte Brücke verursacht zusätzliche Kosten, die sich letztlich auch auf Verbraucherpreise auswirken.
Ein Beispiel aus Lüdenscheid
Ein besonders drastisches Beispiel für die Auswirkungen einer maroden Brücke liefert die A45 bei Lüdenscheid. Die Rahmede-Talbrücke wurde 2021 gesperrt und 2023 gesprengt – seitdem quält sich der Verkehr mitten durch die Stadt. Die Folgen: Dauerstau, erhöhte Feinstaubwerte und ein massiver wirtschaftlicher Schaden. Laut einer Studie von IW Consult könnten sich die wirtschaftlichen Verluste allein in den ersten fünf Jahren auf 1,8 Milliarden Euro belaufen.
Die Auswirkungen reichen jedoch weit über die Verkehrsprobleme hinaus. Die Sperrung hat erhebliche soziale Folgen für die Anwohnenden. Der erhöhte Lärmpegel, die Luftverschmutzung und die allgemeine Einschränkung der Lebensqualität führen zu einer deutlichen Belastung der betroffenen Bevölkerung. Unternehmen der Region – insbesondere Logistikunternehmen, Handwerksbetriebe und Lieferdienste – kämpfen mit drastisch verlängerten Transportzeiten und zusätzlichen Betriebskosten.
Viele Brücken sind am Ende ihrer Laufzeit
Ein Großteil der deutschen Autobahnbrücken wurde zwischen 1960 und 1980 errichtet. Diese Bauwerke haben ihre besten Jahre längst hinter sich und erreichen nun das Ende ihres geplanten Lebenszyklus. Besonders betroffen sind Spannbetonbrücken, die den gestiegenen Anforderungen des heutigen Verkehrs, insbesondere dem immer schwerer werdenden Lkw-Verkehr, nicht mehr standhalten können. Auch der Klimawandel setzt den Bauwerken zu: Extreme Wetterereignisse, wie Starkregen oder Hitzeperioden, beschleunigen die Materialermüdung.
„Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des Lebenszyklus dieser Bauwerke – und jetzt treten die Schwachstellen immer deutlicher zutage“, betont Christian Ganz. Die Alterungsprozesse der Bauwerke führen zu einer schleichenden Abnahme der Tragfähigkeit, die nicht immer sofort sichtbar ist. Risse im Beton, Rost an Stahlträgern und Korrosion an kritischen Bauteilen sind Anzeichen für den fortschreitenden Verfall.
Ein besonderes Risiko stellen Spannungsrisskorrosionen dar. Diese Form der Schädigung kann in Spannstählen auftreten und führt mitunter zu einem plötzlichen Brückenversagen – ohne dass zuvor sichtbare Schäden erkennbar waren. Der Einsturz der Carola-Brücke in Dresden wird genau auf eine solche Korrosion zurückgeführt.
Brückensanierung braucht einen strukturierten Plan – kein Flickwerk
Die aktuelle Vorgehensweise bei Brückensanierungen ist häufig reaktiv statt präventiv. Oftmals wird nur bei akuten Schäden gehandelt – doch dieses Flickwerk führt zu einer Spirale wachsender Kosten und immer kürzeren Sanierungsintervallen. Was Deutschland jetzt braucht, ist eine vorausschauende Strategie.
Christian Ganz betont: „Ein strukturierter Fahrplan zur Erhaltung ist der einzige Weg, um die Brückeninfrastruktur nachhaltig zu sichern.“ Eine erfolgreiche Instandhaltungsstrategie muss dabei auf drei Säulen aufbauen:
- Gründliche Bestandsaufnahme: Der erste Schritt besteht darin, den aktuellen Zustand aller Bauwerke detailliert zu erfassen. Dazu gehören visuelle Inspektionen, technische Messungen und die Digitalisierung aller relevanten Daten.
- Priorisierung der Maßnahmen: Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel müssen Sanierungsmaßnahmen nach Dringlichkeit priorisiert werden. Neben der Tragfähigkeit spielen hier auch die Verkehrsbedeutung und die potenziellen Auswirkungen eines Ausfalls eine Rolle.
- Langfristige Finanzplanung: Die Finanzierung muss auf solide Beine gestellt werden. Hier sind Bund, Länder und Kommunen gefragt, gemeinsame Strategien zu entwickeln und die verfügbaren Mittel effizient einzusetzen.
Die Städte Stuttgart und Nürnberg haben diese Prinzipien bereits erfolgreich umgesetzt. Stuttgart analysierte systematisch den Zustand von 125 Brücken und konnte so gezielte Maßnahmen für die kommenden Jahre planen. Nürnberg setzte sogar ein eigenes Prognosetool ein, das auf Basis historischer Daten künftige Instandhaltungsbedarfe voraussagt.
Digitale Lösungen für die Zukunft
Im Zeitalter der Digitalisierung bieten sich neue Möglichkeiten, Brücken effizienter zu verwalten und instand zu setzen. Ein Beispiel dafür ist das Building Information Modeling (BIM) – eine digitale Methode, bei der das Bauwerk virtuell abgebildet wird. Hierbei werden sämtliche Bauwerksdaten erfasst, um die Planung, Ausführung und spätere Instandhaltung zu optimieren.
BIM ermöglicht eine präzisere Vorhersage von Verschleiß und Schäden. Durch die Simulation von Belastungen lassen sich Schwachstellen frühzeitig erkennen. Zudem hilft die Technologie dabei, die Bauprozesse effizienter zu gestalten und Kosten zu senken.
Darüber hinaus spielt auch die Künstliche Intelligenz (KI) eine immer größere Rolle. Im Rahmen des Forschungsprojekts HyBridGen werden KI-gestützte Brückendesigns entwickelt, die auf Basis bestehender Trassendaten optimiert werden. Diese Entwicklungen versprechen nicht nur kürzere Bauzeiten, sondern auch kosteneffizientere Lösungen.
Bürokratische Hürden sind Bremsklotz für die Sanierung
Ein weiteres großes Problem in Deutschland sind die langwierigen Genehmigungsprozesse. In der Regel dauert es fünf bis 18 Jahre, bis eine Brücke von der Planung bis zur Fertigstellung vollständig erneuert ist. Das liegt vor allem an der Vielzahl von Genehmigungen, Umweltprüfungen und bürokratischen Hürden.
Um diesen Prozess zu beschleunigen, hat der Gesetzgeber 2023 beschlossen, die Genehmigungspflicht für Erweiterungen bei bestehenden Brückensanierungen abzuschaffen. Doch trotz dieser Erleichterungen bleibt die Herausforderung bestehen, die Verwaltung effizienter zu gestalten. Die Kommunen müssen befähigt werden, schneller auf kritische Instandhaltungsfälle reagieren zu können.
Beispiele aus Baden-Württemberg und Nürnberg
Baden-Württemberg hat bereits frühzeitig die Notwendigkeit erkannt, eine umfassende Strategie für die Brückensanierung zu entwickeln. Bereits 2021 beauftragte das Verkehrsministerium eine Studie, die den Zustand von rund 7.300 Bundes- und Landesstraßenbrücken erfasste. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Risiko der Spannungsrisskorrosion.
Das Ziel des Programms ist es, die gefährdeten Brücken bis 2030 zu ersetzen. Dafür stehen in den Jahren 2025 und 2026 jeweils 184 Millionen Euro zur Verfügung. Besonders brisant: 73 Brücken im Bundesland gelten als besonders gefährdet und werden mit verkürzten Prüfintervallen und Nutzungseinschränkungen wie Lastbeschränkungen und Tempolimits kontrolliert.
Nürnberg hingegen setzt stark auf Datenanalyse. Mit einem seit 2011 geführten Brückenbericht wird die Infrastruktur der Stadt regelmäßig überprüft. Ein Prognosetool, das auf den Daten der vergangenen 13 Jahre basiert, hilft dabei, langfristige Investitionsentscheidungen zu treffen.
Von der Krisenverwaltung zur zukunftsfähigen Infrastruktur
Die Brückensanierung in Deutschland ist eine Herausforderung von historischem Ausmaß. Es geht nicht nur darum, einzelne Bauwerke zu reparieren – es geht darum, ein gesamtes System zu modernisieren. Mit vorausschauender Planung, Digitalisierung und gezielter Investition können Städte und Länder die Folgen des Sanierungsstaus abmildern.
Christian Ganz bringt es auf den Punkt: „Wer heute klug plant, spart morgen Kosten und sichert die Zukunft unserer Infrastruktur.“ Der Weg zu einer zukunftssicheren Brückeninfrastruktur beginnt nicht erst beim ersten Baggerbiss – er beginnt mit einer strategischen Analyse, klaren Prioritäten und einer nachhaltigen Finanzierung.
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