Stringtheorie oder die Suche nach den unsichtbaren Dimensionen
Die Stringtheorie gilt als eines der größten Rätsel der Physik. Sie könnte die langersehnte Verbindung zwischen Quantenmechanik und Relativitätstheorie herstellen.

Die Physik ist nach wie vor eine Wissenschaft mit vielen großen Rätsel. Eines der größten ist die Stringtheorie, die viele weitere unsichtbare Dimensionen vermutet.
Foto: PantherMedia / KrisCole
Die Stringtheorie gilt als einer der vielversprechendsten Kandidaten für eine „Theorie von allem“ – also eine physikalische Beschreibung, die die Quantenmechanik mit der Allgemeinen Relativitätstheorie vereint. Sie basiert auf der Idee, dass die fundamentalen Bausteine der Natur nicht punktförmige Teilchen sind, sondern winzige, schwingende Fäden – sogenannte Strings.
Doch um diese Theorie mathematisch widerspruchsfrei zu formulieren, braucht es mehr Raumdimensionen, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Könnte es sein, dass wir in einem Universum mit zehn oder mehr Dimensionen leben, ohne es zu merken?
Inhaltsverzeichnis
- Was meinen wir überhaupt mit „Dimensionen“?
- Was bedeutet „Dimension“ in der Physik?
- Der Ursprung der Idee: Von Würfeln und Hyperräumen
- Die physikalische Herausforderung: Zwei Theorien, ein Ziel
- Wo die Theorien kollidieren: Schwarze Löcher und der Urknall
- Die große Lücke: Die fehlende Theorie von Allem
- Der neue Ansatz: Strings statt Punkte
- Wo sind die anderen Dimensionen geblieben?
- Ein Quantensprung in der Vereinheitlichung
- Dimensionen im Experiment: Wie testbar ist das?
- Holographie: Ist unsere Welt nur ein Schatten?
- Ist die Stringtheorie die Wahrheit?
- Kann KI die Stringtheorie retten?
Was meinen wir überhaupt mit „Dimensionen“?
Im Alltag erleben wir die Welt in drei Raumdimensionen: Wir können uns nach oben und unten, vorne und hinten, sowie links und rechts bewegen. Diese drei Richtungen definieren unseren vertrauten Raum. Seit Einstein wissen wir jedoch, dass auch die Zeit als vierte Dimension zur physikalischen Realität gehört – gemeinsam bilden Raum und Zeit die sogenannte Raumzeit. Diese vierdimensionale Sichtweise hat unser Verständnis der Physik revolutioniert, denn sie beschreibt nicht nur Bewegung, sondern auch Gravitation als geometrisches Phänomen.
Die Stringtheorie geht noch weiter: Sie behauptet, dass unser Universum aus bis zu 11 oder gar 26 Dimensionen bestehen könnte. Das wirkt zunächst kontraintuitiv, denn zusätzliche Raumrichtungen lassen sich weder sehen noch direkt messen. Doch in der Physik geht es nicht nur um das, was unmittelbar beobachtbar ist, sondern auch um das, was logisch notwendig ist, damit eine Theorie konsistent bleibt.
Was bedeutet „Dimension“ in der Physik?
Eine Dimension ist in der Physik ein Freiheitsgrad – also eine Richtung, in der sich ein Objekt bewegen oder ein Zustand verändern kann. In einem eindimensionalen Raum, etwa auf einem Draht, gibt es nur „vor“ und „zurück“. Auf einer Fläche – also in zwei Dimensionen – kommen „links/rechts“ und „oben/unten“ hinzu. Der dreidimensionale Raum erlaubt auch Tiefe.
In der Mathematik können Räume mit beliebig vielen Dimensionen beschrieben werden, auch wenn wir sie uns bildlich kaum vorstellen können. Diese sogenannten „höherdimensionalen Räume“ sind Werkzeuge, mit denen sich komplexe Phänomene beschreiben lassen – vor allem in Bereichen, in denen herkömmliche Modelle scheitern. In der Stringtheorie sind zusätzliche Dimensionen mathematisch notwendig, um alle Wechselwirkungen und Teilcheneigenschaften korrekt darzustellen.
Der Ursprung der Idee: Von Würfeln und Hyperräumen
Die Idee zusätzlicher Dimensionen ist älter, als man denkt. Bereits im 18. Jahrhundert diskutierten Mathematiker über mehr als drei Raumrichtungen. Der Durchbruch kam im 19. Jahrhundert, als Charles Howard Hinton das Konzept des Tesserakts – eines vierdimensionalen Würfels – entwickelte.
Auch Edwin Abbott popularisierte die Idee in seinem Roman Flatland, der die Beschränktheit menschlicher Wahrnehmung demonstriert: Die Bewohner einer zweidimensionalen Welt können sich eine dritte Dimension nicht vorstellen – genau wie wir uns keine vierte Raumrichtung vorstellen können.
Diese Gedankenexperimente fanden bald Eingang in Kunst und Philosophie. Salvador Dalí malte in Corpus Hypercubus einen gekreuzigten Christus auf einem Tesserakt – als Symbol für transzendente Wirklichkeiten jenseits des Sichtbaren.
Die physikalische Herausforderung: Zwei Theorien, ein Ziel
Die moderne Physik ruht auf zwei tragenden Säulen: der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Erstere beschreibt die Gravitation als Krümmung der Raumzeit durch Masse und Energie – ein Modell, das hervorragend für große Strukturen wie Sterne oder Galaxien funktioniert. Die Quantenmechanik hingegen regiert die Welt des Kleinsten – von Atomen über Elektronen bis hin zu Quarks. Beide Theorien liefern präzise Vorhersagen, doch sie widersprechen sich in bestimmten Grenzbereichen – etwa in der Nähe Schwarzer Löcher oder beim Urknall.
Hier beginnt das Dilemma der Physik: Während die Quantenmechanik Kräfte über Teilchenaustausch beschreibt, widersetzt sich die Gravitation bisher jeder quantenmechanischen Beschreibung. Das Standardmodell der Teilchenphysik berücksichtigt die Gravitation schlicht nicht – eine gewaltige Lücke.
Wo die Theorien kollidieren: Schwarze Löcher und der Urknall
In extremen Situationen versagt die klassische Physik. Im Inneren eines Schwarzen Lochs oder beim Urknall kollabieren Raum und Zeit in sogenannte Singularitäten – Bereiche, in denen Dichte und Krümmung theoretisch unendlich werden.
Solche Zustände lassen sich weder mit der Relativitätstheorie noch mit der Quantenmechanik allein erklären. Auch bei der theoretischen Beschreibung der Gravitation auf Teilchenebene treten mathematische Unendlichkeiten auf, die sich mit gängigen Methoden nicht „wegrechnen“ lassen. Eine neue Theorie ist nötig – eine, die beides kann: Gravitation und Quanten.
Die große Lücke: Die fehlende Theorie von Allem
Eine „Theory of Everything“ soll alle vier fundamentalen Kräfte in einem einzigen Modell vereinen:
- Elektromagnetismus
- Schwache Kernkraft
- Starke Kernkraft
- Gravitation
Das Standardmodell vereint bereits die ersten drei. Die Gravitation bleibt außen vor – genau hier setzt die Stringtheorie an. Sie ersetzt die punktförmigen Teilchen durch schwingende Strings. Diese Strings können je nach Schwingungsmodus unterschiedliche Teilchen darstellen. Auch das Graviton – das hypothetische Austauschteilchen der Gravitation – ergibt sich dabei ganz natürlich aus der Theorie.
🧠 Sheldon Cooper und die Stringtheorie
In der beliebten Sitcom The Big Bang Theory arbeitet der exzentrische Physiker Dr. Sheldon Cooper am California Institute of Technology (Caltech) – und zwar an nichts Geringerem als der Stringtheorie.
In mehreren Folgen wird deutlich, dass Sheldon die Theorie nicht nur für das Fundament der modernen Physik hält, sondern geradezu besessen davon ist. So erklärt er etwa stolz, er habe „die gesamte Stringtheorie auf einem weißen Tafelset bei The Cheesecake Factory durchgerechnet“. Letzlich scheitert er aber auch an einem Beweis.
Auch wenn seine Forschung meist im Hintergrund bleibt, spiegelt sich darin eine reale Herausforderung: Die Stringtheorie ist faszinierend, aber extrem schwer experimentell nachzuweisen – was auch Sheldon frustriert.
„Ich bin nicht verrückt, meine Mutter hat mich testen lassen.“
– Sheldon Cooper
Übrigens: In der realen Physik gibt es Forscher:innen, die tatsächlich ihr ganzes Berufsleben der Stringtheorie widmen – allerdings mit etwas weniger Sarkasmus.
Der neue Ansatz: Strings statt Punkte
Die Grundidee der Stringtheorie ist ebenso simpel wie revolutionär: Elementarteilchen sind keine punktförmigen Objekte, sondern winzige, eindimensionale schwingende Fäden – sogenannte Strings. Ihre Schwingungsmodi bestimmen die Eigenschaften der Teilchen: ein Photon, ein Elektron oder ein hypothetisches Graviton entstehen durch unterschiedliche Schwingungen derselben grundlegenden Struktur.
Diese Perspektive hat tiefgreifende Konsequenzen. Erstens werden viele mathematische Probleme der konventionellen Quantenfeldtheorie entschärft – insbesondere die problematischen Unendlichkeiten bei extrem hohen Energien. Zweitens folgt aus den Gleichungen der Stringtheorie, dass sie nur dann konsistent funktioniert, wenn mehr als vier Dimensionen berücksichtigt werden. Zehn Raumzeitdimensionen bei der Superstringtheorie, elf bei der M-Theorie – diese zusätzlichen Dimensionen sind keine Spielerei, sondern eine mathematische Notwendigkeit.
Da wir aber nur drei Raum- und eine Zeitdimension wahrnehmen, stellt sich die Frage: Wo sind diese zusätzlichen Dimensionen? Die Theorie antwortet mit dem Konzept der Kompaktifizierung: Die weiteren Raumrichtungen sind auf winzige Größenskalen zusammengerollt. Ihre geometrische Struktur beeinflusst wiederum, wie Strings schwingen – und damit, welche Teilchen existieren und wie stark sie miteinander wechselwirken.
Was die Vier-Gravitonen-Streuung über Strings verrät
Dass die Stringtheorie mehr ist als ein theoretisches Konstrukt, zeigt sich auch an ihrer Fruchtbarkeit für andere Wissenschaftszweige – insbesondere die Mathematik. Immer wieder stoßen Forschende bei ihrer Arbeit an stringtheoretischen Modellen auf neue Strukturen, Funktionen und Gleichungen, die weit über die Physik hinausreichen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Vier-Gravitonen-Streuung – ein Prozess, bei dem hypothetische Gravitonen miteinander wechselwirken.
Gravitonen sind postulierte Teilchen, die die Gravitationskraft auf quantenmechanischer Ebene vermitteln sollen. In der Stringtheorie entsprechen sie bestimmten Schwingungszuständen geschlossener Strings. Die sogenannte Vier-Gravitonen-Streuung beschreibt ein Szenario, in dem zwei Gravitonen miteinander interagieren, Energie austauschen und als zwei neue Gravitonen wieder hervorgehen. Die dabei relevanten Streuungsamplituden lassen sich mathematisch formulieren – allerdings nur näherungsweise, vor allem bei niedrigen Energien.
Forschende aus Münster bestätigen Vermutung aus der Stringtheorie
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Ksenia Fedosova vom Exzellenzcluster Mathematik Münster konnte Ende 2024 eine Vermutung aus der Stringtheorie in diesem Kontext bestätigen. Gemeinsam mit Kim Klinger-Logan und Danylo Radchenko untersuchte sie spezielle Funktionen, die auf sogenannten modularen Flächen definiert sind – komplexe zweidimensionale Strukturen mit besonderen Symmetrieeigenschaften. Diese Flächen sind auch aus der Zahlentheorie bekannt und spielen in der Stringtheorie eine Rolle bei der Beschreibung der String-Kopplungskonstante, also der Stärke, mit der Strings miteinander wechselwirken.
Die Forschenden analysierten eine Reihe partieller Differentialgleichungen, deren Lösungen Aufschluss über das Verhalten der Streuung liefern. Sie bestimmten den homogenen Teil bestimmter mathematischer Funktionen, was dabei hilft, die zugrunde liegende Struktur der Streuung besser zu verstehen. Interessanterweise zeigte sich: Einige der von Physikern vermuteten Eigenschaften bestätigten sich – andere nicht. Das Ergebnis legt nahe, dass manche bisher verwendeten Gleichungen überarbeitet oder durch besser geeignete ersetzt werden könnten.
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Wo sind die anderen Dimensionen geblieben?
Warum erleben wir dann nur drei Raumdimensionen? Die Antwort lautet: Kompaktifizierung. Die zusätzlichen Dimensionen sind extrem klein zusammengerollt – so winzig, dass sie selbst mit modernster Technik nicht direkt beobachtet werden können. Man kann sich das vorstellen wie bei einem dünnen Draht, der aus der Ferne eindimensional wirkt – aber bei näherem Hinsehen einen Umfang besitzt.
Die Form dieser aufgerollten Dimensionen – etwa in Gestalt sogenannter Calabi-Yau-Räume – beeinflusst die Eigenschaften der Strings. Das bedeutet: Die Geometrie des Unsichtbaren bestimmt die Physik des Sichtbaren. Es gibt jedoch unzählige mögliche Geometrien, was zu einem „Multiversum“ möglicher Universen führt.
Ein Quantensprung in der Vereinheitlichung
In jeder konsistenten Version der Stringtheorie existiert ein Schwingungsmodus, der genau die Eigenschaften des Gravitons besitzt – also jenes Teilchens, das die Gravitation vermittelt. Damit ist die Gravitation keine Ergänzung, sondern eine zwangsläufige Folge der Theorie. Das macht die Stringtheorie zu einem ernstzunehmenden Kandidaten für eine umfassende Vereinigung aller vier Grundkräfte – etwas, das keine andere Theorie bisher leisten konnte.
Dimensionen im Experiment: Wie testbar ist das?
Die Stringtheorie bleibt schwer experimentell zugänglich, weil die relevanten Effekte bei extrem hohen Energien auftreten – weit jenseits dessen, was Teilchenbeschleuniger wie der LHC am CERN leisten können. Dennoch gibt es Ansätze: So könnten zusätzliche Dimensionen charakteristische Frequenzen in Gravitationswellen hinterlassen, die mit zukünftigen Detektoren wie dem Weltraumobservatorium LISA nachweisbar wären.
Holographie: Ist unsere Welt nur ein Schatten?
Ein weiteres faszinierendes Konzept der Stringtheorie ist das sogenannte holographische Prinzip. Es besagt, dass unsere vierdimensionale Welt ein Abbild eines höherdimensionalen Raums sein könnte – ähnlich wie ein Hologramm eine dreidimensionale Struktur auf einer zweidimensionalen Fläche speichert.
Die AdS/CFT-Korrespondenz, entwickelt von Juan Maldacena, zeigt mathematisch, dass eine fünfdimensionale Raumzeit exakt einer vierdimensionalen Quantenfeldtheorie entsprechen kann. Das stellt unser Verständnis von Realität auf den Kopf.
Ist die Stringtheorie die Wahrheit?
Ob die Stringtheorie das Universum wirklich korrekt beschreibt, ist unklar. Ein direkter Beweis steht aus. Doch sie liefert das bislang eleganteste Modell zur Vereinigung von Gravitation und Quantenphysik – und inspiriert Forschung in Mathematik, Kosmologie und Festkörperphysik. Es fehlt aber nach wie vor ein Beweis für sie.
So sagte der Physiker Nima Arkani-Hamed zu „Quanta Magazin“: „Die Stringtheorie ist spektakulär. Viele Stringtheoretiker sind wunderbar. Aber die Erfolgsbilanz für qualitativ korrekte Aussagen über das Universum ist wirklich miserabel“. Vielleicht kann ja künstliche Intelligenz der Stringtheorie aus der Klemme helfen.
Kann KI die Stringtheorie retten?
Eine der größten Herausforderungen beim Beweis der Stringtheorie liegt in der enormen Anzahl möglicher Lösungen – über 10⁵⁰⁰ Universen lassen sich aus den Gleichungen ableiten, von denen nur eines unserem Universum entsprechen dürfte. Hinzu kommt die mathematische Komplexität: Die Theorie verlangt zusätzliche, winzig aufgerollte Raumdimensionen, deren genaue geometrische Form die Eigenschaften der entstehenden Elementarteilchen bestimmt. Doch selbst mit strengen Anforderungen bleibt eine überwältigende Zahl möglicher Geometrien, und es ist nahezu unmöglich, daraus exakt diejenige zu identifizieren, die zu unserer Realität passt.
Angesichts dieser Probleme greifen Stringtheoretiker inzwischen verstärkt auf Methoden der künstlichen Intelligenz zurück. Besonders neuronale Netzwerke erweisen sich als vielversprechend, da sie komplexe Muster in riesigen Datenmengen erkennen und auf dieser Basis physikalisch relevante Vorhersagen treffen können.
Erste Erfolge zeigten sich bereits 2017, als Forschende die Geometrien einfacher aufgerollter Räume bestimmten. Anfang 2024 gelang es einem Team um Andrei Constantin, mithilfe KI-gestützter Berechnungen die Massen von Quarks aus bestimmten Geometrien vorherzusagen – auch wenn diese Werte noch nicht mit der beobachtbaren Realität übereinstimmen. Derzeit konzentrieren sich viele Forschende darauf, die Zahl der potenziellen Lösungen einzugrenzen, um die Suche nach dem „richtigen“ Universum mithilfe neuronaler Netzwerke weiter zu präzisieren.
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